Uhrentechnik erklärt – Das Tourbillon

Ein Wirbelsturm am Handgelenk: Die faszinierende Technik hinter dem Tourbillon

Beim Anblick eines Tourbillons verspürt so mancher Uhrenliebhaber ein leichtes Schwindelgefühl: Der eine staunt über das unaufhaltbare Schwingen der Unruh im rotierenden Käfig, der andere zeigt sich schockiert über den Preis einer solchen Uhr. Das Tourbillon gilt seit jeher als eine der teuersten und schwierigsten Komplikationen der Uhrmacherkunst. Aber was macht es so besonders? CHRONEXT klärt auf.

Tourbillon – die Königsdisziplin der Uhrmacherkunst

Mechanik erfüllt von menschlicher Leidenschaft – diese Fantasie scheint das Tourbillon zum Leben zu erwecken. Der Begriff steht im Französischen für „Wirbelwind“ und diesem Namen wird der Mechanismus mehr als gerecht. Das wilde Spiel eines Tourbillons, der immerfort tanzende Käfig und die unaufhaltbare Unruh elektrisieren den achtsamen Beobachter. Kreiert in mehrmonatiger Handarbeit, hat das mechanische Meisterstück seinen Preis: Die Tourbillon-Modelle bekannter Hersteller zählen zu den teuersten Uhren der Welt.

In der Uhrmacherkunst symbolisiert das Tourbillon puren Luxus. Trotz des exorbitanten Preises hat diese Komplikation in einer Armbanduhr keinen praktischen Nutzen. So wird das Tourbillon einem Kunstwerk gleichgestellt: Ganz wie ein Gemälde oder eine Skulptur dient das Tourbillon in erster Linie der Ästhetik.

Das Tourbillon ist ein kunstvolles Meisterwerk der Mechanik, in dem die gesamte Leidenschaft der Haute Horlogerie zum Ausdruck kommt.

Louis Abraham Breguet – Ein genialer Uhrmacher und der Erfinder des Tourbillons

Louis Abraham Breguet (1747–1823) war ein einzigartiger Uhrmacher. Der Gründer von Breguet leistete einen entscheidenden Beitrag zur Entwicklung der mechanischen Uhr und viele wichtige Erfindungen, wie z.B. die Breguet-Spirale, gehen auf ihn zurück. Auch das erste Tourbillon ist eine seiner genialen Kreationen.

Um den Schwerkraftfehler der Unruh zu beheben, beschloss Breguet die Unruh sowie Anker und Ankerrad in einen Käfig zu platzieren. Dieser Käfig rotiert im eigenen Takt und dreht die Unruh mit. In den meisten Tourbillons von heute wird das Drehgestell an der Welle des Sekundenrads befestigt und dreht sich somit mit dem Sekundenrad mit – also einmal pro Minute um die eigene Achse. Durch diese Drehung liegt der Schwerpunkt der Unruh immer an einer anderen Stelle, sodass diese nicht langwierig von einer Seite belastet wird. Dadurch wird der Schwerkraftfehler ausgeglichen.

1801 meldete Breguet sein Patent in Paris unter der Bezeichnung „Régulateur à Tourbillon“ an. Doch dies war nur der Beginn – das erste Tourbillon war bei Weitem nicht perfekt. Die Schwierigkeit bei einem Tourbillon liegt in der feinen Mechanik einer Uhr: Um sich zu drehen, benötigt der Tourbillon-Käfig ausreichend Energie. Allerdings ist diese Ressource aufgrund der Lage des Tourbillons im Uhrwerk relativ knapp. Deswegen muss das Tourbillon möglichst wenig Energie verbrauchen, gleichzeitig aber genug Kraft haben, um sich zu drehen.

Die delikate Fertigung dieses Mechanismus bleibt bis heute sehr kompliziert und nur wenige erlesene Hersteller können sich einer eigenen Tourbillon-Uhr in ihrer Kollektion rühmen.

Armbanduhr und Tourbillon – eine widersprüchliche Liaison

Mit der Erfindung der Armbanduhr wurde das Tourbillon überflüssig. Durch die permanente Armbewegung bleibt die Uhr selten lange in einer Position, sodass der Schwerkraftfehler durch das Tragen der Uhr bereits aufgehoben wird. Die Herausforderung, ein Tourbillon zu bauen, sprach aber weiterhin ehrgeizige Uhrmacher an und so entstanden die ersten Tourbillon-Armbanduhren. Die Kunden hatten nichts einzuwenden: Der bezaubernde Anblick eines Tourbillons am Handgelenk überzeugt Uhrenthusiasten und Liebhaber raffinierter Mechanik. Vor allem in den 1980er Jahren, als die mechanische Uhr wieder an Popularität gewann, wurde das Tourbillon immer beliebter.

In ihrem fortwährenden Bestreben, den Mechanismus zu perfektionieren, kreierten die Uhrmacher zahlreiche neue Varianten des Tourbillons.

Wohin fliegt das fliegende Tourbillon? Die berühmten Tourbillon-Arten und ihre Erfinder

Das Tourbillon ist ein Meisterstück der Uhrmacherkunst und bleibt nur den wahren Größen der Haute Horlogerie vorbehalten. Seit der Erfindung dieser Komplikation waren Uhrmacher weltweit bestrebt, ein eigenes Tourbillon zu kreieren und den Mechanismus weiterzuentwickeln.

So entstand in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts das „fliegende Tourbillon“ – eine Erfindung von Alfred Helwig, deutschem Uhrmacher und Fachlehrer an der Deutschen Uhrmacherschule Glashütte. Anstatt von dem üblichen Käfig wird hier die Hemmung einseitig von einem Lager gehalten und geführt. Das Auge erfreut sich an dieser Konstruktion: Beim fliegenden Tourbillon wird der Blick auf die Unruh nicht eingeschränkt. Heute verwenden alle Glashütter Manufakturen diesen Mechanismus und auch Schweizer Hersteller, wie Blancpain, bieten Uhren mit fliegendem Tourbillon an.

Eine andere Manufaktur, die dem Tourbillon besonderes Augenmerk schenkt, ist Jaeger-LeCoultre. Ihr Gyrotourbillon dreht sich nicht um eine Achse, wie das übliche Tourbillon, sondern um zwei Achsen, wodurch die Bewegung räumlich wird. Dadurch soll die Leistung des Tourbillons bei aktiven Armbewegungen optimiert werden. Das 2004 vorgestellte Gyrotourbillon von Jaeger-LeCoultre ist aber in erster Linie ein bezaubernder Tanz der Mechanik, den Uhrenliebhaber zu schätzen wissen.

Die räumliche Bewegung des Tourbillons beschäftigte nicht nur Jaeger-LeCoultre. Auch der deutsche Uhrmacher Thomas Prescher leistete mit seinen Kreationen „Doppel-Achs-Tourbillon“ und „Triple-Achs-Tourbillon“ einen entscheidenden Beitrag zu dieser Entwicklung.

Hohe Uhrmacherkunst – hohe Preise

Aufgrund der aufwändigen und komplizierten Handarbeit, die in die Herstellung eines Tourbillons einfließt, fangen die Preise für diese Uhren bei 30.000 Euro an. Meist werden diese Tourbillon-Uhren mit zusätzlichen Komplikationen bereichert, sodass der Preis schnell die 100.000-Euro-Grenze überschreitet. Tourbillon-Uhren von kleinen Manufakturen und Uhrmachern, wie Thomas Prescher, fallen aufgrund der extrem kleinen Auflage besonders hochpreisig aus. Dafür erwirbt man eine Uhr, die nur ein Dutzend anderer Glücklicher weltweit sein Eigen nennen darf.

Uhren als Kunstwerke – dieser Philosophie folgt auch Wilhelm Rieber. Der in Pforzheim ansässige Uhrmacher stellt ausschließlich Unikate her. Zwei davon sehen Sie auf den Bildern in diesem Artikel: die Wilhelm Rieber Tourbillon-Taschenuhr und die Wilhelm Rieber Tourbillon-Armbanduhr.

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